Anastasia Kradènova — Sopran
Interview
Die junge Sopranistin Anastasia Kradènova ist eine Künstlerin, für die Opernbühne und Kammersaal keine Gegensätze sind, sondern zwei Facetten eines Ganzen. Nach dem Abschluss am Rimski-Korsakow-Staatlichen Konservatorium St. Petersburg setzt sie ihre Ausbildung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) fort. Ihr Weg begann früh: Musikunterricht mit vier Jahren, Gesangsunterricht mit acht — und parallel dazu klassisches Ballett, zeitgenössischer Tanz, bildende Künste, Schauspielkurse am Russischen Staatlichen Institut für darstellende Künste sowie Fechten.
"Alles, was ich gelernt habe, hilft mir enorm auf der Bühne und erlaubt mir, jedes Vokalwerk wie eine Theaterrolle anzugehen."
Nachdem sie ihren Traum vom Konservatorium verwirklicht hatte, beschloss Anastasia bereits in den ersten Studienjahren, ihre russische Ausbildung durch europäische Erfahrungen zu ergänzen. Zunächst folgte das Studium in Graz (Kunstuniversität Graz), wo die junge Sopranistin in Opern von Britten (Albert Herring) und in einer historisch informierten Produktion von Rameaus Opernballett Pygmalion debütierte und zudem Erfahrungen als Regieassistentin bei Philippe Boesmans' zeitgenössischer Oper Reigen sammelte.
— Wie unterscheidet sich das europäische System vom russischen?
— Es gibt natürlich einen Unterschied, — erklärt Anastasia. — In Europa kann man den Stundenplan nach den eigenen Bedürfnissen gestalten: Es gibt ein Pflichtfach-Angebot, aber man entscheidet selbst, wie man es kombiniert. Besonders wertvoll ist der Zugang zu Pädagogen verschiedener Traditionen — Vertreter der deutschen, französischen, italienischen und spanischen Schule. In Petersburg liegt der Schwerpunkt auf Puccini, russischer Musik, den großen Opernwerken. Das ist wunderbar, passt aber nicht jedem — besonders nicht in jungen Jahren. Mir fehlten Mozart, Barock, Belcanto — Bereiche, in denen ich mich jetzt besonders intensiv entwickle.
— Wie kamen Sie zur Kammermusik?
— In Österreich entdeckte ich das Lied. Dieses Genre wurde für mich etwas Besonderes. Es gibt keine szenische Handlung — und so werden alle Emotionen gleichsam unter die Lupe genommen. Man muss mit viel feineren Mitteln arbeiten, was den Vorbereitungsprozess sehr sorgfältig macht. Eine gute Lied-Interpretation erfordert enorme Konzentration und lange gemeinsame Arbeit mit einem Pianisten. In diesem Sinne steht das Lied zweifellos in Verbindung mit unserer russischen Romanze. Mich interessiert derzeit besonders die Stilistik und die Eigenheiten gerade dieses europäischen Genres — ich habe hier die Möglichkeit, viel mit Spezialisten zu arbeiten. Die Beherrschung des Stils ist eine meiner zentralen Aufgaben, denn nur dadurch kann ich die Absicht des Komponisten so genau wie möglich vermitteln — das ist mein künstlerisches Credo. Zunächst versuche ich stets zu verstehen, was der Komponist ausdrücken wollte, und ergänze dies dann durch meine eigene persönliche Lesart.
Vor Kurzem hat Anastasia in Zusammenarbeit mit der Pianistin Anna Braginskaia zwei selten gespielte Zyklen aufgenommen — Arnold Schönbergs op. 2 und Richard Strauss' Mädchenblumen.
"Wir haben uns lange vorbereitet, und ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Diese Musik strahlt eine schmerzliche Schönheit aus, und ich bin überzeugt, dass es uns gelungen ist, den Geist der Jahrhundertwende zu vermitteln. Die Arbeit an diesen Zyklen hat mich als Musikerin sehr vorangebracht und die Palette meiner Stimme bereichert. Allein schöner Klang reicht hier nicht — man muss den Riss, das Gebrochene widerspiegeln. Und dafür bin ich bereit, auf konventionelle Schönheit zu verzichten. Die Aufnahmen sind auf meinem YouTube-Kanal verfügbar."
Heute erweitert Anastasia weiterhin ihr Kammerrepertoire und arbeitet an Zyklen von Poulenc, Debussy, Satie, Mahler, Strauss und anderen europäischen Komponisten.
Meisterkurse sind für sie zu einer wichtigen zusätzlichen Ressource geworden: Sie hat an Kursen von Sergei Leiferkus, Dmitri Vdovin und zuletzt Thomas Hampson teilgenommen, bei dem sie Lieder von Mahler und Zemlinsky interpretierte.
Das Studium in Wien erwies sich als außerordentlich reichhaltig.
"In kurzer Zeit gelang es mir, mit Korrepetitoren mehrere anspruchsvolle Partien vorzubereiten: Susanna (Le nozze di Figaro), Zerlina (Don Giovanni), Despina (Così fan tutte), Pamina (Die Zauberflöte), Adina (L'elisir d'amore). Und auch — mit Orchester — die Partie der Giulietta aus Bellinis in Russland selten gespielter Oper I Capuleti e i Montecchi sowie der Musetta aus La Bohème. Jedes Mal, wenn ich beginne, an einer Rolle zu arbeiten, verliebe ich mich in die Figur. Es ist mir wichtig, ihre Gedankengänge, ihre Situation zu verstehen und in meiner Stimme die Nuancen zu finden, die ihre emotionale Welt widerspiegeln. Trotz meines großen Interesses an der Kammermusik kann ich mir natürlich ein Leben ohne die große Opernbühne nicht vorstellen. Ich liebe es, mit Partnern zu arbeiten, die Tiefe des Orchesterklang zu spüren, gemeinsam eine Geschichte zu erleben — das ist für mich lebensnotwendig."
Zudem verschließt sie sich nicht vor Experimenten mit zeitgenössischer Musik. Im Mai 2025 sang sie die Hauptpartie in einem ultramodernen Orchesterprojekt der jungen chinesischen Komponistin Jialu Yang auf Texte des persischen Dichters Dschalaluddin Rumi. Eine unvergessliche Erfahrung mit expressiver Musik an der Grenze zur Atonalität. Die Aufnahme ist auf ihren Kanälen verfügbar.
Anastasia spricht fließend Deutsch und Englisch und vertieft derzeit ihre Kenntnisse im Italienischen und Französischen.
— Was sind Ihre Pläne?
— Ich plane, aktiv an Wettbewerben und Meisterkursen teilzunehmen und meine technische Meisterschaft weiter zu verfeinern. Neue Partien, Vokalzyklen und Konzertprogramme vorzubereiten. Ich möchte die Verbindung zu meiner Heimat nicht verlieren — Petersburg ist mein Zuhause. Aber ich möchte teilen, was ich in Europa gelernt habe: durch Auftritte, Projekte und den Dialog der Kulturen.